Die Zeit ist reif! – Pharma-Beschäftigte gefordert

Die Pharma-Industrie wird überall als Gewinner der letzten Gesundheitsreformen bezeichnet, tatsächlich sind die Beschäftigten, insbesondere die Außendienstler, die großen Verlierer. Während die Umsätze bei allen Verschiebungen innerhalb der Branche relativ konstant bleiben, werden die Beschäftigten in den Unternehmen zunehmend mit steigendem Kostendruck und Personalabbau konfrontiert. Der Kampf um Marktanteile verschärft sich weiter, während die Instrumente sich stark verändern. Die Ärzte als Zielgruppe entfallen vielfach als „Entscheider“, Apotheken und Krankenhäuser kaufen in Einkaufsgemeinschaften ein und verschmelzen zu immer größeren Konzernen.

Somit steht die Zukunft des klassischen Pharmareferenten infrage. Weiter benötigt werden Außendienstler im Spezialaußendienst, bei Produkteinführungen und im Bereich OTC. Auch strategische Ansätze in ganzheitlicher Beratung von der Diagnose bis zur Medikation werden nach unseren Informationen eine größere Rolle spielen. Dies sieht der Gesetzgeber seit dem 01. Januar 2011 durch die Aufnahme der Pharma-Industrie als Partner in der sogenannten integrierten Versorgung auch ausdrücklich vor.

Volkswirtschaftlich betrachtet scheint die Reduzierung von Vertriebskosten zunächst einmal sinnvoll für Unternehmen und Patienten. Weniger betrachtet wird die Frage, welche Konsequenzen der verstärkte Wegfall des Arztes als Zielgruppe für den Pharma-Vertrieb noch auf das Gesundheitssystem hat. An vielen Stellen ist der Pharmareferent der „heimliche Helfer“ des Arztes in pharmakologischen Fragen. Was der Wegfall dieser für das Gesundheitssystem nützlichen Funktion für die Qualität der Medikation durch die Ärzte bedeutet, ist bisher nicht abzusehen. In der Öffentlichkeit und in der politischen Debatte spielt die Funktion des heimlichen Helfers des Arztes aber nur selten eine Rolle. Der Arzt wählt weiterhin den Wirkstoff aus und der Apotheker kennt oftmals – gerade im städtischen Raum – nicht die begründenden Rahmenbedingungen einer Verschreibung und kann deshalb sein Wissen über Wirkweise, Nebenwirkungen und Zusammenwirken mit anderen Medikamenten nicht zielführend anwenden. Ich halte diese Entwicklung für fatal. Viele Menschen wissen nicht, dass die Pharmakologie keine ernst zu nehmende Größe im Medizinstudium ist und die Ärzte hier oftmals nur über Erfahrungswissen verfügen, dass sie durch Seminare, Kongresse und Gespräche sowie Fachliteratur erhalten. Alle vier Quellen wurden bisher als Vertriebsstrategie durch die Pharma-Industrie abgedeckt. Selbstverständlich immer mit dem Versuch die eigenen Produkte im Markt zu platzieren. Doch wissen wir auch, dass erst verschiedene Angebote den Markt transparent machen. Wollen wir einen Fernseher kaufen, so informieren wir uns zuerst über alle am Markt erhältlichen Produkte. Auch hier halten wir es nicht für verwerflich, eine Werbebroschüre eines namhaften Anbieters zu lesen. Letztendlich wissen wir, welche Informationen von Herstellern und welche Informationen von anderer Seite kommen. Manchmal ist es sogar gefährlicher, sich auf vermeintlich neutrale Informationen zu verlassen, die dann doch von jemandem finanziert wurden, der zukünftig nicht mehr in Erscheinung tritt.

Insgesamt ist der Personalabbau in vollem Gange. Wir beobachten die Schließung von Linien in fast allen Unternehmen der Pharma-Industrie. Die Zeitpunkte verschieben sich allerdings je nach Produktpipeline und Spezialisierungsgrad. Fatal ist aus unserer Sicht, dass die Informationen an die Belegschaften fast immer plötzlich erfolgen. Dieses Vorgehen nimmt den Beschäftigten die Möglichkeit, sich weiter zu spezialisieren oder mit genügend Ruhe auf dem Arbeitsmarkt umzusehen. Für die Unternehmen hat dies natürlich den Vorteil, dass die Außendienstmitarbeiter/-innen möglichst lange motiviert arbeiten können und sich nicht auf andere Dinge konzentrieren. Die Motivation und Identifikation sind und bleiben Schlüsselelemente des Vertriebs. Hier müssen wir es schaffen, insbesondere diejenigen Außendienstmitarbeiter/-innen, welche bisher ohne größere Spezialanwendungen gearbeitet haben, weiterzubilden. Ansonsten sieht ihre Zukunft, zumindest zu ihren jetzigen Arbeitsbedingungen, duster aus. Dies ist auch eine der großen Herausforderungen für uns als Gewerkschaft, hier Angebote zu machen und mit den Betriebsräten Strategien zu entwickeln, welche Arbeitslosigkeit verhindern und so am Ende nicht nur die Höhe der Abfindungen zu verhandeln.

Zugleich müssen wir die Arbeitsbedingungen für die verbleibenden Außendienstmitarbeiter/-innen sichern. Über Performance-Management-Systeme wurde an vielen Stellen Mitarbeiterentwicklung versprochen und Selektion gelebt. Hier wird aktuell massiv über Aufhebungsverträge und Leistungsdruck ausgesiebt. Das dürfen wir in der Fläche nicht zulassen. Auch hier liegt ein Themenfeld, welches die IG BCE strategisch besetzen wird.

Es gilt mit den Betriebsräten Erfahrungen auszutauschen und einheitliche Leitplanken in der Branche zu diskutieren. Trotz der Konkurrenz der Unternehmen arbeiten die Personalverantwortlichen in Netzwerken gut zusammen und pflegen einen regen Austausch. Diesen Austausch brauchen wir noch stärker auf der Arbeitnehmerseite. Dies geschieht auf Eigeninitiative der Betriebsräte bereits an vielen Stellen. Auch wir haben einige regionale und bereits seit Jahren ein bundesweites Betriebsrätenetzwerk installiert. Nun muss es uns gelingen, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Die Konkurrenz unserer Arbeitgeber ist das eine, etwas anderes jedoch sind die Arbeitsbedingungen unserer Kolleginnen und Kollegen in den Unternehmen. Genau wie in der Tarifpolitik ist es insbesondere unsere Aufgabe, hier den Austausch zu fördern und mit den Betriebsräten zu einheitlichen Positionen auf der Arbeitnehmerseite zu kommen und diese auch in den Belegschaften zu diskutieren. Nur so nimmt uns die Politik als legitimen Vertreter der Arbeitnehmer in der Branche wahr. Und ohne eine solche Vertretung der Arbeitnehmerinteressen werden die Interessen der Menschen in der Pharma-Industrie hinter denen zum Marktzugang zurückstehen. Logischerweise sehen sich die Vorstände immer zuerst ihren Geldgebern verpflichtet und Vertriebsmitarbeiter/-innen kosten Geld. Wenn man also den gleichen Gewinn mit weniger Personal erzielen kann, so reduziert sich auch das Risiko, da man weniger investieren muss. Nicht zuletzt daher wundert es nicht, dass auch Unternehmen und Verbände der Pharma-Industrie ihre Prioritäten in der Debatte zu den Gesundheitsreformen gesetzt haben.

Das Gesagte gilt genauso für die Anpassungen von Dienstwagenrichtlinien, Büropauschalen, Prämien- und Bonusvereinbarungen, Betriebsrenten sowie anderen betrieblichen Regelungen. Wir befinden uns in einer Abwärtsspirale der Sozialleistungen. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit und der Zukunft, welche viele Außendienstmitarbeiter/-innen verspüren, gepaart mit Versprechen, dass so etwas im eigenen Unternehmen nicht passiert und man ohne die Außendienstmitarbeiter/innen nicht auskommt, wird von einigen Unternehmensvertretern schamlos ausgenutzt. Dieses kennen wir aus anderen Industriebereichen. Erst werden Sozialleistungen mit Verweis auf den Markt und den Gesetzgeber gekürzt und anschließend trotzdem entlassen. Verwunderlich ist, dass sich hier alle Arbeitgebervertreter einig sind, dass der Personalabbau, da er durch den Markt oder den Gesetzgeber verursacht wurde, quasi Gottgegeben ist. Doch auch wenn der Markt sicherlich nicht unbedingt von einzelnen Unternehmen bezwingbar ist, müssen wir auch die Frage nach Alternativen stärker stellen.

Von Zeit zu Zeit gelingt dies auch, so ist es uns im Fall des Kaufs der Alcon Pharma durch Novartis gelungen, eine völlig sinnlose Verlagerung des Vertriebsstandortes über 300 km von Freiburg im Breisgau nach Frankfurt am Main zu verhindern, da Vertriebsinnen- und Außendienst gemeinsam mit Betriebsrat und IG BCE dagegen gekämpft haben und dabei auch vor der klaren Konfrontation mit der Geschäftsleitung im Betrieb, aber auch in der Öffentlichkeit nicht zurückgeschreckt sind. Nun stehen die Belegschaften von Takeda Aachen und Nycomed/Takeda Konstanz vor der gleichen Frage. (Siehe Seite 2.)

Genauso gilt es die Frage zu stellen, warum Leiharbeit im Außendienst trotz Personalabbau noch zunimmt. Dies widerspricht jeder Beobachtung in anderen Branchen. Während Tausende Jobs im Außendienst verloren gehen, wachsen Pharmexx, Quintiles und Andere stetig. So ist sogar zu erwarten, dass zukünftig ganze Linien durch die sogenannten „Leasing-Unternehmen“ gestellt werden. Auch hier stellt sich die Frage nach den Arbeitsbedingungen. Noch zahlen zumindest einige Unternehmen den Lohn der äquivalenten Außendienstmitarbeiter/-innen in den Entleihunternehmen. Was aber, wenn dann tatsächlich ganze Linien von „Leasingkräften“ eingesetzt werden? Welche Arbeitsbedingungen werden dann gelten?! Diese aus der Vergangenheit nicht gelöste Frage, welche andere Branchen bereits seit Jahren bewegt, wird uns also bald rasant einholen.

Wir müssen daher schnellstmöglich ein einheitliches Vorgehen entwickeln und dürfen uns als Betriebsräte und Beschäftigte nicht gegeneinander ausspielen lassen. Jeder Präzedenzfall in anderen Unternehmen holt uns schnell ein. Die Branche ist wie wir alle wissen sehr klein.

Ich kann nur an alle Betriebsräte appellieren, mit uns zusammenzuarbeiten und Strategien zu entwickeln. Für uns muss die Zeit der „hübschen Betriebsrätetagungen“ mit vielen Grußworten und wichtigen Menschen im Pharmabereich zu Ende sein. Die Betriebsräte stehen vor Situationen, welche sie in der Vergangenheit in der Regel nicht kannten und müssen Strategien entwickeln, bei denen wir unsere Erfahrungen aus anderen Branchen einbringen können. Gleichwohl hat die Pharma-Branche selbstverständlich ihre Besonderheiten, die es zu beachten gilt.

Für die Beschäftigten heißt dies gleichzeitig, dass sie nun auch in der beruflich bereits hoch anspruchsvollen Pharma-Welt mit Zukunftsängsten konfrontiert werden. Daher gilt auch hier, dass die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft weder vor Arbeitslosigkeit schützt, noch 10%ige Gehaltssteigerungen garantiert. Doch eines wird nun dringend nötig, dass wir die Reihen der Arbeitnehmerschaft in der Pharma-Industrie schließen. Wir brauchen spätestens jetzt eine starke Gewerkschaft. Es reicht nicht länger, dass der Organisationsgrad der chemischen Industrie in Gänze die schlechten Mitgliedszahlen in vielen Pharmaunternehmen kaschiert. Nun kommt es auf die gewerkschaftliche Stärke in jedem einzelnen Unternehmen an. Sie alle haben es in der Hand, sich auf die bevorstehenden Herausforderungen vorzubereiten. Werden Sie Mitglied, insoweit Sie es noch nicht sind und sprechen Sie vor allem auch Ihre Kolleginnen und Kollegen an. Die Zeit dazu ist reif.

von Oliver Hecker


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Eine Reaktion zu “Die Zeit ist reif! – Pharma-Beschäftigte gefordert”

  1. Redaktion

    Statement
    von Edeltraud Glänzer
    Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie

    Die Beschäftigten der Pharmaindustrie stehen weiterhin vor großen Herausforderungen. Als IG BCE engagieren wir uns von jeher für die Interessen unserer Mitglieder. Dazu gehört insbesondere die Erhaltung und Schaffung von hochwertigen Arbeitsplätzen am Standort Deutschland. Durch einen starken Rückhalt aus den Betrieben, gelingt es uns seit Jahren die legitimen Interessen der Beschäftigten beispielsweise in der Stein- und Braunkohle in der Frage welche Rolle die Kohle in einer Energieversorgung der Zukunft spielt, zu vertreten. Auch in der chemischen Industrie gestalten wir Themen wie z.B. die EU-Chemikalienverordnung REACH oder das Thema Gentechnik im Interesse unserer Mitglieder. Dies führt teilweise dazu, dass auch die Arbeitgeber strategische Partner für die Durchsetzung von Arbeitnehmerinteressen werden.

    Wir arbeiten derzeit mit Betriebsrätenetzwerken und auch dem Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) an Strategien. Kernthemen sind hierbei das Image der Pharma-Beschäftigten, die Rahmenbedingungen für Forschung, Vertriebsstrukturen der Zukunft, Beschäftigungsmöglichkeiten durch die integrierte Versorgung und auch die Frage, wie wir unsere Produktionsstandorte im internationalen Wettbewerb an der Spitze halten können.

    Um uns gegenüber der Politik mit legitimen Interessen der Beschäftigten durchsetzen zu können, brauchen wir noch stärker als bisher den Rückhalt aus den Belegschaften. Unser Ziel, die hochwertigen Arbeitsplätze der pharmazeutischen Industrie langfristig in Deutschland zu halten, können wir nur erreichen, wenn wir gegenüber den Vertretern der Gesundheitspolitik glaubhaft machen können, dass wir einen großen Teil – möglichst aber alle – der noch rund 100.000 Pharma-Beschäftigten in Deutschland vertreten. Daher ist es für eine gute Interessenvertretung unumgänglich, dass sich die Beschäftigten durch Beitritt in die IG BCE zu uns bekennen und so unsere gestalterischen Möglichkeiten stärken.


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