80 Prozent der AT-Beschäftigten bekommen mehr Geld

Von Oliver Hecker am 18. September 2014

Würden wir behaupten, dass wir durch gezielte Verhandlungen eines AT-Entgeltsystems eine Listenwahl verhindert und den Betriebsrat gestärkt haben, wäre das sicherlich schon ein Erfolg, aber noch nichts Besonderes. Doch zusätzlich haben wir den gewerkschaftlichen Organisationsgrad der AT-Beschäftigten auf über 80 Prozent gesteigert, dafür gesorgt, dass ca. 80 Prozent der Beschäftigten mehr Geld bekommen, ein transparentes und gerechtes Entgeltsystem eingeführt sowie Solidarität zwischen Tarifbeschäftigten und AT-Beschäftigten geschaffen.

 

Wie war die Ausgangssituation?

Das Unternehmen DSM Nutritional Products in Grenzach forderte den Betriebsrat auf, über ein neues AT-Entgeltsystem in Verhandlung zu treten, um den zehnprozentigen Tarifabstand deutlich zu reduzieren und die zu hohe Vergütung marktgerechter zu gestalten.

Außertariflich Beschäftigte waren für Betriebsrat und IG BCE bei DSM bisher kein großes Thema. Die Beschäftigten regelten die meisten Dinge selbst. Die Arbeitszeit wird erfasst und grobe Rahmenbedingungen beim Entgelt waren über die alte  Betriebsvereinbarung abgedeckt. Dafür hatte die Spartengewerkschaft VAA jedoch eine Reihe von Mitgliedern und plante für die nächste Betriebsratswahl eine eigene Liste. Auch bei den Aktionen rund um Standortsicherung und Arbeitsplatzsicherheit gab es in den letzten Jahren kaum Solidarisierung zwischen Tarifbeschäftigten und AT-Beschäftigten.

 

Wie sind wir vorgegangen?

Das Betriebsratsgremium hat die IG BCE direkt um Unterstützung gebeten. Nach der Ausarbeitung einer gemeinsamen Strategie haben wir die AT-Beschäftigten in einer Teilbetriebsversammlung über Individualrechte und die Gestaltungsmöglichkeiten des Betriebsrats informiert. Die Verhandlungskommission auf Arbeitnehmer(innen)seite bestand aus zwei Mitgliedern des Betriebsrats, zwei AT-Beschäftigten und einem Vertreter der IG BCE.

Nach der Positionierung trat die Verhandlungskommission in die Gespräche mit der Arbeitgeberseite ein. Nach jeder wichtigen Verhandlungsrunde haben wir die AT-Beschäftigten erneut in einer weiteren Teilbetriebsversammlung über den Verhandlungsstand informiert und aktiv in die Verhandlungen einbezogen.

Nach einem halben Jahr kamen die Verhandlungen in die entscheidende Phase. Der Arbeitgeber legte nun sein letztes Angebot vor.  Wir beschlossen, die AT-Beschäftigten über das weitere Vorgehen abstimmen zu lassen. Inzwischen war es uns durch die Informationsveranstaltungen auch gelungen, den Wunsch nach einem gerechten System zu untermauern.

Die AT-Beschäftigten verständigten sich einstimmig darauf, sich kollektiv in der IG BCE zu organisieren, um einen Rechtsanspruch auf einen klaren Tarifabstand zum IG BCE-Tarif zu sichern und dem Betriebsrat so den nötigen Rückhalt für die Einigungsstelle zu geben.

Nachdem wir den Arbeitgeber darüber informiert hatten, erklärte dieser sich nach ca. drei Monaten ohne weitere Verhandlungsrunde bereit, die Erhöhung der Entgeltbänder zukünftig an die Tariferhöhungen zu koppeln und die Grundgehälter anzuheben sowie feste Banduntergrenzen zu garantieren.

Neben vielen kleineren Details verständigte sich die Verhandlungskommission mit den AT-Beschäftigten darauf, dass nur ein Kompromiss akzeptabel ist, welcher gewährleistet, dass ein klarer Tarifabstand festgeschrieben wird und auch die individuellen AT-Gehälter mit Bändern und Tarif steigen. Daher scheiterten die Verhandlungen im dritten Quartal 2013.

Einen Monat vor der Einigungsstelle gelang es uns im April 2014, einen Kompromiss zu finden, der sicherstellt, dass die Anpassung der individuellen Gehälter nicht über ein Budget, sondern analog der Tariferhöhung vollzogen wird. Wer in der Mitte des Gehaltsbands liegt und in der Beurteilung mittelmäßig bewertet wird, bekommt die komplette Tariferhöhung. Entsprechend Leistung und Bandlage ist die Erhöhung entsprechend kleiner oder größer (50 bis 130 Prozent des Erhöhungsprozentsatzes). Auch garantierte der Arbeitgeber für jedes Entgeltband zusätzlich zum Jahresgrundentgelt ein Gesamtentgelt. Dies war nötig, da die Jahresgrundgehälter der meisten Beschäftigten deutlich unterhalb der neuen Bandmittelpunkte lagen.

Insgesamt konnten so ca. 80 Prozent der Gehälter angehoben und Transparenz in das AT-Vergütungssystem gebracht werden. Die Zusammenarbeit zwischen AT-Beschäftigten und Betriebsrat hat sich etabliert und ein AT-Beschäftigter ist bei der Betriebsratswahl in das Gremium gewählt worden. So konnten wir die Arbeitsbedingungen der AT-Beschäftigten verbessern, den Rückhalt des Betriebsratsgremiums stärken und die AT-Beschäftigten für die IG BCE erschließen. Es zeigt sich also wieder einmal: Nur gemeinsam sind wir stark.



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