Das braune Gold der Lausitz

Von Sarah Heidel am 8. Oktober 2010

Braunkohle Tagebau Welzow-Süd, Foto: Rainer Weisflog

Es war ein harter Absturz: Von 72 000 Arbeitsplätzen im Lausitzer Braunkohlenrevier wurden knapp 67 000 abgebaut. Die Wende war aber auch ein Start. Für mehr ökologische und soziale Verantwortung. Wir haben  im Oktober 2009 den Tagebau Welzow-Süd besucht und die Menschen vor Ort gefragt, was sich seit der Wiedervereinigung verändert hat.

Sie sieht ein bisschen aus wie eine Bohrinsel auf dem Atlantik. 70 Meter hoch ragt die Förderbrücke F60 in den Himmel, über 600 Meter erstreckt sie sich in voller Länge. Jahr für Jahr fördert sie Millionen Kubikmeter Braunkohle aus dem märkischen Sand.

Bergleute allerdings sieht man nur wenige auf der riesigen Anlage, die im Tagebau Welzow-Süd ihren Dienst tut. Ganz anders als früher, als mehr als 70 000 Menschen im Lausitzer Bergbau arbeiteten. Heute sind es deutlich weniger. »Dabei ist das Förderprinzip selbst eigentlich noch ähnlich wie damals«, sagt Helmut Franz. Er ist Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Vattenfall Europe Mining AG, die heute den Braunkohlenabbau rund um Cottbus betreibt. 1969 begann Helmut Franz seine Ausbildung zum Elektromonteur im Tagebau Welzow-Süd.

Er kennt die Kohle nun seit 40 Jahren. »Die Förderbrücke ist Baujahr 1972«, sagt er. Allerdings habe sich, im Vergleich zu DDR-Zeiten, die Fördertechnik deutlich verbessert. Vieles sei nun effizienter, schneller, leistungsfähiger. Wie auch in anderen Branchen ging dies zulasten der Arbeitsplätze. »Auf der Brücke sind jetzt vielleicht noch 20 Arbeiter tätig. In den 70er-Jahren waren es noch deutlich mehr«, sagt Helmut Franz. Von ursprünglich 17 Tagebauen in der Lausitz sind heute noch fünf geblieben. »Nach der Wende wurden die Filetstücke rausgepickt«, erzählt Betriebsratschef Franz. »Der Rest wurde entweder bis 1993 stillgelegt oder nur noch wenige Jahre weiterbetrieben.«

Helmut Franz, ehem. Gesamtbetriebsratsvorsitzender Vattenfall Europe Mining AG, Foto: Rainer Weisflog

Neben den Tagebauen wurden auch zahlreiche Brikettfabriken und Kraftwerke geschlossen. Für die  ehemals gewaltige Braunkohlenindustrie bedeutete dies einen enormen Rückgang der Fördermenge. Und damit verbunden einen dramatischen Arbeitsplatzabbau. Von 200 Millionen Tonnen Förderkapazität Ende der 80er-Jahre ging es runter auf  60 Millionen 2008. 67 000 Menschen, die 1989 in der Kohle arbeiteten, mussten innerhalb weniger Jahre gehen.

Ein Großteil von ihnen wurde in Frührente geschickt, doch auch betriebsbedingte Kündigungen waren an der Tagesordnung. »Das waren die bittersten Zeiten für Betriebsräte«, sagt Helmut Franz. »Manchmal gab es Wellen, da mussten hundert Kündigungen auf einen Schlag ausgesprochen werden. Dann standen die Kollegen bei uns im Büro, und du konntest nicht helfen.«

Der Kampf um den Erhalt der Braunkohle und um die Arbeitsplätze in der Branche bestimmt seit 1990 überwiegend die Arbeit der Arbeitnehmervertreter. Vorher, zu DDR-Zeiten, war das überhaupt kein Thema. »Damals waren wir Bergleute die Helden der Republik«, erinnert sich Olaf Schulze, der Vertrauensleute-Obmann des Tagebaus Welzow-Süd.

Die Republik war auf die Kohle angewiesen – über 80 Prozent der Strom- und Heizversorgung erfolgte durch das »braune Gold«. Das zahlte sich nicht zuletzt auch finanziell aus. »Hier konnte man gutes Geld verdienen«, sagt Schulze, der vor 30 Jahren den Weg vom Schornsteinfeger zum Bergmann einschlug.

Olaf Schulze, Vertrauensleute-Obmann des Tagebaus Welzow-Süd, Foto: Rainer Weisflog

Heute dagegen hat die Braunkohle ein Image-Problem. »Dass wir Braunkohlenbergleute als CO2-Killer hingestellt werden, das finde ich sehr ungerecht«, sagt der 50-Jährige. Oft kämen Journalisten mit einer vorgefertigten Meinung und suchten nach Bestätigung für ihre Vorurteile.

Das ärgert Olaf Schulze und seine Kollegen vor allem mit Blick auf die neue Carbon Dioxide Capture and Storage Technologie, kurz CCS. Mithilfe dieser Methode soll das CO2 aus dem Verbrennungsgas abgeschnitten und in unterirdischen Lagerstätten verbracht werden. Der CO2-Ausstoß in die Luft könnte so deutlich gesenkt werden. Auch deshalb ist für Olaf Schulze die ständige Kritik an der Braunkohle viel zu einseitig. »Unsere Industrie ist schließlich sehr wichtig«, sagt er stolz.

Zusammen mit der Steinkohle macht die Braunkohle derzeit fast 50 Prozent der Stromversorgung in Deutschland aus. Wie im Westen kennt man auch in der Lausitz das Problem der Umsiedlung. So mussten im Zuge der Erweiterung der Förderstätten in der DDR und auch heute noch ganze Dörfer dem Braunkohlentagebau weichen.

Für die Bewohner ist das immer ein schmerzhafter Eingriff. »Zu DDR-Zeiten«, sagt Helmut Franz, »ist so ein Dorf in ein paar Neubaublöcken verschwunden. Egal, ob jemand Wohneigentum hatte oder nicht.« Heute dagegen wird mit großem Aufwand versucht, die Wünsche und Bedenken der Menschen zu beachten und ihnen eine neue Heimat zu schaffen.

Braunkohlenabbau im Tagebau Welzow-Süd, Foto: Rainer Weisflog

Auch der Eingriff des Tagebaus in die Landschaft ist ein schwieriges Thema – oft mit dem Stichwort »DDR-Altlasten« verbunden. Mondlandschaften entstanden. Das Thema Umwelt spielte eine untergeordnete Rolle. »Strom war wichtig, Kohle war wichtig, aber wer hatte denn damals Geld für Rekultivierung?«, erklärt Helmut Franz. So hinterließ der DDR-Tagebau mehrere hundert Hektar große Kraterlandschaften.

Das ist heute nicht mehr denkbar. Seit Teile des Braunkohlentagebaus 1994 privatisiert wurden, muss der Betreiber auch für die Rekultivierung sorgen. Heute ist an die Stelle der ehemaligen Tagebaue eine Vielzahl von Seen getreten. So wie der Senftenberger See. Die mit 100 Millionen Kubikmeter Wasser geflutete ehemalige Förderstätte Niemtsch ist heute ein beliebtes Ausflugsziel für Badeurlauber. Mit einer Größe von etwa 1300 Hektar ist der See so groß wie 175 Fußballfelder.

Die Erinnerung an die Tage um den 9. November 1989 ist für Helmut Franz und seine Kollegen gespalten. Denn in die glücklichen Stunden nach dem Mauerfall mischte sich die Sorge, wie es weitergehen würde. Die ostdeutsche Braunkohle stand auf einmal im Wettbewerb mit anderen Energiequellen wie Kernkraft oder Steinkohle. Es war klar, dass es nicht wie vorher weitergehen würde, denn eine so hohe Fördermenge wurde nicht mehr gebraucht.

Doch die Bergleute gingen für den Erhalt der Braunkohle auf die Straße. 40 000 Teilnehmern kamen zu Großdemonstrationen ihrer Gewerkschaft in Hoyerswerda und Weißwasser. »Wir haben sogar für drei Wochen vor dem Potsdamer Rathaus eine Mahnwache abgehalten«, erzählt Helmut Franz. Der Strukturwandel in der Braunkohle war – wie andernorts – unaufhaltsam. Vieles hat sich in den vergangenen 20 Jahren verändert. Knapp 10 Prozent der Arbeitsplätze konnten erhalten werden. Und die haben Zukunft.

Auch wenn die Kumpel im Braunkohlentagebau keine »nationalen Helden« mehr sind, eines ist wie früher: Die Braunkohle liefert auch heute noch den Löwenanteil der Stromversorgung im Staate. Nur nicht mehr 80 Prozent wie in der DDR, sondern 25 Prozent in der gesamten Bundesrepublik. Ein Grund, stolz zu sein.

Fotos: Rainer Weisflog



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