Plötzlich war alles anders

Von Sarah Heidel am 26. Oktober 2010

Brigitte Laube, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Berlin Chemie AG, erzählt von den ersten Betriebsratswahlen, wie der Betrieb umgestaltet wurde und ihren Erlebnissen am 9. November. Ihren Erfahrungsbericht von der Betriebsräte-Tagung am 21. Oktober in Potsdam könnt Ihr hier lesen:

„Ich habe 1970 im Oktober als Chemiefacharbeiter bei der Berlin-Chemie begonnen, habe heute also fast eine Inventarnummer. Allerdings war ich der Firma von 1982-1984 untreu, habe in den drei Jahren bei Berlin-Kosmetik gearbeitet und bin 1985 wieder zu Berlin-Chemie zurück.

Von da an war ich als Meister eingestellt, weiterhin in der Herstellung von Arzneimitteln. Meine Kollegen und ich arbeiteten in Berlin-Johannisthal, einem Betriebsteil ca. 15 Kilometer von unserer Zentrale in Adlershof entfernt. Wir fühlten uns als eine kleine Enklave, die fleißig ihren Job macht.

Am 9. November 1989 war ich nicht in Berlin, sondern am nördlichsten Zipfel der DDR, in Brege auf der Insel Rügen. Ich hatte meine erste prophylaktische Kur bekommen. Das bekam in der DDR nicht jeder, manche allerdings sehr häufig.

Ich schaute also an diesem Abend mit meinen Kur-Kollegen die „Aktuelle Kamera“. Die Nachricht, dass die Mauer in Berlin offen ist, klang für uns wie ein schlechter Witz. Die einzige Telefonzelle in dem Ort – Handys hatten wir noch nicht – wurde gestürmt und hielt dem Andrang nicht lange stand. Der gesamte Apparat glühte und musste in den folgenden Tagen mehrfach ausgetauscht werden.

Am 12. November dann unternahm ich mit den anderen Kur-Teilnehmern eine Fahrt mit der Trelleborg nach Schweden. Wir machten diese Fahrt, obwohl uns am 10. November ein Vertreter des FDGB belehrt hatte, dass wir mit Krankengeld-Streichung rechnen müssen, wenn wir fahren. Das war uns egal: Wir gingen auf die Trelleborg und es war toll!

Eine Woche später war ich wieder in Berlin und erfuhr in meiner Firma, dass in dieser Nacht die Kollegen, die Nachtschicht hatten, ihre Schicht unterbrochen haben, nach Westberlin gefahren sind – und dann wieder in die Firma zurückkehrten.

Plötzlich war alles anders. Alle forderten: Betriebsrat rein, Gewerkschaft raus. Wir in Johannisthal haben also einen Betriebsrat gewählt, obwohl es noch gar keine gesetzliche Grundlage gab. Aber wir wollten was tun – also taten wir was.

Die Kolleginnen und Kollegen in den anderen Betriebsteilen wählten gemeinsam mit den in Adlershof arbeitenden Kolleginnen und Kollegen ebenfalls einen Betriebsrat. Als das Betriebsverfassungsgesetz dann auch im Osten gültig wurde, wählten wir einen gemeinsamen Betriebsrat. Ich selbst bin seit 1994 im Betriebsrat, seit 2002 freigestellt und stellvertretende Betriebsratsvorsitzende.

Unsere Firma wurde 1992 von dem italienischen Menarini Konzern gekauft. Viele Kollegen hätten sich Schering als Mutterfirma gewünscht. Denn Schering kannten wir auch in der DDR und eine italienische Firma – die tollsten Gedanken kamen auf. Man dachte an Geldwäsche, Mafia und so weiter.

Die Chemie verschwand aus unserem Produktportfolio, nur die Pharmastrecke blieb erhalten. Die Struktur der Firma musste komplett umgestellt werden. Marketing und Vertrieb wurden verstärkt. Viele unserer Kollegen, wir waren immerhin damals 3.000 Mitarbeiter, verloren in dieser Zeit ihren Job. Auch wenn die meisten von ihnen sozial einigermaßen abgesichert waren, durch Rente, Vorrente und so weiter, war es trotzdem für den damaligen Betriebsrat eine sehr schwere Zeit. Viele von denen, die gehen mussten, kannten wir persönlich. Die Anzahl der Mitarbeiter reduzierte sich auf 800.

Heute müssen wir sagen, dass die Übernahme durch Menarini das Beste war, was uns damals passieren konnte. Unsere Geschäftsleitung vieles richtig gemacht hat und wir als Betriebsrat haben unseren Teil dazu beigetragen.

Berlin Chemie hat heute weltweit über 4000 Beschäftigte. In Deutschland arbeiten 2000, davon ca. 650 Mitarbeiter im Außendienst.

Und Berlin-Chemie hat noch eine Besonderheit – bei uns arbeiten noch heute ca. 40 behinderte Kolleginnen und Kollegen in einer geschützten Betriebsabteilung. Diesen Bereich gab es schon zu DDR-Zeiten und er wurde bis heute erhalten. Diese Kolleginnen und Kollegen sind ein fester Bestandteil unseres Betriebes. Sie machen einen wichtigen Job in der Produktion und das machen sie voller Freude.

Es war eine turbulente und auch schwere Zeit. Aber die  Mühen haben sich gelohnt. Und ich bin sehr froh, dass ich bei der Umgestaltung unserer Firma meinen Teil beitragen konnte.“

Autorin: Susanne Schneider-Kettelför



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