Kündigungen nicht an sich ranlassen

Von Sarah Heidel am 25. Oktober 2010

Joachim Nowak, Betriebsratsvorsitzender der InfraLeuna-Gruppe, Foto: Michael Cintula

Joachim Nowak, Betriebsratsvorsitzender der InfraLeuna-Gruppe, erzählt von seinen Erfahrungen mit der DDR, wie er zum Betriebsrat gewählt wurde und vom Kampf um die Arbeitsplätze kurz nach dem Mauerfall. Seinen Erlebnisbericht von der Betriebsräte-Tagung am 21. Oktober in Potsdam  könnt Ihr hier lesen:

„Angefangen habe ich in den Leunawerken am 01. September 1971 als Auszubildender zum Meß -und Regelungstechniker und war bis zur Wende im Herbst 1989 in diesem Beruf in verschiedenen Kraftwerken des Standortes Leuna tätig. Zu dieser Zeit arbeiteten ca. 27.000 Kolleginnen und Kollegen im Werk.

Meinen Glauben an den Staat DDR und dessen Ideologie verlor ich während meiner 18-monatigen Wehrpflicht bei den Grenztruppen. Die Verlogenheit dieses Regimes kam brutal in der Realität der Grenzanlagen zum Ausdruck: Offiziell sollten wir unsere Heimat vor dem Klassenfeind schützen, standen aber mit dem Rücken zu diesem und mit Minen ausgestattet an den Zäunen der Westgrenze und sollten Grenzverletzer stellen, welche der DDR den Rücken kehren wollten. Außerdem konnte ich auch keiner Partei mental folgen, welche von sich behauptete, immer Recht zu haben. Diktatur des Proletariats eben.

Zum Betriebsrat kam ich, wie das der Zufall so will, damals allerdings durch die Partei. Ein mittlerweile schon ehemaliger Parteisekretär sagte zu mir: „Uns haben sie abserviert – jetzt kannst Du mal beweisen, ob Ihr was drauf habt.“ Das war der Anlass, mich als Kandidat zur Betriebsratswahl im Juni 1990 zu stellen.

Nun zur Frage: wie habt Ihr den massiven Personalabbau in den Leunawerken in den Griff bekommen? Uns war ziemlich schnell klar dass die ca. 27.000 Arbeitsplätze unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht zu halten waren.

Durch das beispielhafte Engagement der IG Chemie, Papier, Keramik als unserem Tarifpartner, des Qualifizierungsförderwerkes Chemie und der Unterstützung durch den Förderfonds Chemie, diesen Personalabbau sozial verträglich zu gestalten, ist es uns gemeinsam gelungen, über die verschiedensten Vorruhestands- und Sozialplanregelungen, über Ausgliederungen, Privatisierungen von Betriebsteilen und die Vermittlung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen den Abbau von Tausenden von Arbeitsplätzen positiv zu begleiten. In der Summe wurden durch diese Maßnahmen ca. „nur“ 3.500 heiße betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen.

Dieses persönlich zu verarbeiten, war relativ schwierig. Ich war in dieser Zeit als freigestelltes Betriebsratsmitglied in einer permanenten Stresssituation, was mich dazu bewegte, von 1994 bis 1996 die Freistellung aufzugeben, wieder in meinem Beruf tätig zu sein und mir dadurch ein Ventil zu schaffen, das Erlebte zu verarbeiten.

1996, mit Gründung der InfraLeuna GmbH, wurde ich zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt – und wieder stand die Aufgabe Personalabbau vor uns. Bei der Bewältigung dieser Personalabbaumaßnahmen haben mir die Erfahrungen aus der Vergangenheit sehr geholfen. Man muss sich dieser Problematik einfach sachlich und möglichst nicht emotional annähern.

Ich wünsche keinem von uns, als Betriebsrat eine Kündigung zu bearbeiten, aber auch das gehört zu den Aufgaben unseres Mandats. Mein Tipp damit umzugehen: Es nicht zu sehr an sich ranlassen.

Auf Grund der aktuellen demographischen Situation werden wir uns als Betriebsrat in Gegenwart und Zukunft eher mit Personalaufbau und Personalplanung beschäftigen. Dieses Feld ist allerdings wesentlich komplizierter zu beackern als eine Kündigung, weil die erfolgreiche Umsetzung eine strategische, langfristige Zielorientierung erfordert und Betriebsräte andere Kompetenzen lernen müssen. Wo bekommen wir ausbildungsfähige Jugendliche her? In welcher Form soll ein zukunftsfähiges Bildungssystem geschaffen werden?

Ich finde, hier ist Föderalismus Mist. Vielleicht heißt an dieser Stelle tatsächlich die Devise: „Vom Osten lernen heißt siegen lernen“, denn das Bildungssystem der DDR – selbst getestet! – von der kommunistischen Ideologie befreit, wird erfolgreich in den skandinavischen Ländern eingesetzt.

Wenn ich ein gutes Haar an der DDR lassen kann, dann ist es das Bildungssystem. Hier muss sich bei uns heute unbedingt etwas ändern, das ist für uns als Betriebsräte zwar auch eine schwierige, aber dafür schöne Aufgabe. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit!“

Autorin: Susanne Schneider-Kettelför



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