Hungerstreik im Kaliwerk

Von Sarah Heidel am 8. Oktober 2010

Hungerstreik im Kaliwerk "Thomas Münzer", Foto: Rainer Hirschberger/dpa

1990 fördern rund 2500 Bergleute im Kaliwerk Bischofferode 26 Millionen Tonnen Salz im Jahr. 1993 steht der Kali-Bergbau in Thüringen plötzlich vor dem Aus. Doch die Bergleute wehren sich – einige treten sogar in einen Hungerstreik.

 Es war eines der modernsten und erfolgreichsten Unternehmen in der DDR und größter Arbeitgeber der Region – das Kalibergwerk „Thomas Münzer“ im thüringischen Bischofferode. Das Bergwerk exportierte Kali-Salze in die ganze Welt. Zu den besten Zeiten waren dort über 2.000 Arbeiter beschäftigt.

Bischofferode, ein Ort mit 2700 Einwohnern, war eine Erfolgsgeschichte. Mit 26 Millionen Tonnen fördert das Werk 1990 etwa genauso viel wie in westdeutschen Gruben – allerdings mit fast doppelt so vielen Beschäftigten. Nach der Wende wird schnell klar, dass der Bergbau mit so vielen Arbeitern nicht konkurrenzfähig ist. Kündigungen sind an der Tagesordnung. Mehr als Tausend Beschäftigte entlässt die Treuhand allein in den Jahren 1990 bis 1993. Lediglich 700 Arbeitsplätze bleiben erhalten.

Im Juli 1993 steht der nächste Schock für die Beschäftigten an: Der Treuhandausschuss des Bundestages beschließt die Fusion der ost- und westdeutschen Kaliindustrie. Von zehn Kaligruben im Osten sollen nur drei erhalten bleiben – Bischofferode ist nicht dabei. Die Bergleute sind verzweifelt, fürchten um ihre Zukunft, wollen aber nicht kampflos aufgeben. Sie besetzen das Kaliwerk, zwölf treten in einen unbefristeten Hungerstreik. In der Kantine werden zwischen Pappwänden Liegen aufgebaut, vor dem Werk Transparente aufgehängt. Auf diesen steht: „Bischofferode ist überall“.

Der Streik wird schnell zum Symbol für den Kampf um Arbeitsplätze in ganz Ostdeutschland. Selbst US-Medien berichten von den Männern und Frauen im vereinten Deutschland, die um ihre Existenz bangen und deshalb sogar in den Hungerstreik treten.

Demonstration gegen die Schließung des Kaliwerks in Bischofferode 1993, Foto: Rainer Hirschberger/dpa

Die Unterstützung ist groß; es vergeht kaum ein Tag ohne Solidaritätsbekundung. Die Rockband Pudhys spielen vor den Werkshallen. Bis zu 15.000 Menschen demonstrieren für den Erhalt des Kaliwerks. Nach mehr als 80 Tagen des Protests steht am Ende aber doch das Aus für den Schacht.

Dennoch war der Arbeitskampf nicht umsonst. Die Bundesregierung bietet den Bergleuten eine Arbeitsplatzgarantie für zwei Jahre, die thüringische Landesregierung erweitert diese Garantie auf unbestimmte Zeit und verspricht, Ersatzarbeitsplätze in der Region zu schaffen.

Nach der Schließung übernimmt die Gesellschaft für Verwahrung und Verwertung (GVV) das Kaliwerk. Heute sind noch 100 Arbeiter von den ehemals rund 700 dort beschäftigt.

Fotos: dpa



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