Arbeitszeitkonzepte
Die Europäische Union will eine gemeinsame Richtlinie zur Regelung der Arbeitszeit formulieren. Doch bisher konnten sich die Mitgliedsstaaten nicht einigen. Die Politiker und Wirtschaftsverbände fordern verlängerte Arbeitszeiten. Der Vizepräsident des Instituts Arbeit und Technik, Gerhard Bosch hält Mehrarbeit in Deutschland für kontraproduktiv und rät deshalb zu flexiblen Arbeitsmodellen. Für den Dienstleistungssektor konnten positive Beschäftigungseffekte durch kürzere Arbeitszeiten europaweit nachgewiesen werden. Außerdem könnten die flexiblen Arbeitszeitkonzepte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern. Deshalb ist es auch für IG BCE ein Anliegen Teilzeitarbeitsmodelle zu unterstützen.
Längere Arbeitszeiten sind kontraproduktiv
Die Weichen sind auf Mehrarbeit gestellt: Die Europäische Union will eine gemeinsame Richtlinie zur Regelung der Arbeitszeit formulieren. Doch bisher konnten sich die Mitgliedsstaaten nicht einigen. Strittig sind die Ausnahmen von der vorgeschlagenen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden sowie Ausnahmeregelungen für Mehrarbeit. Vor allem Großbritannien möchte großzügige Mehrarbeitsregelungen.
Auch in Deutschland wird eine Verlängerung der Arbeitszeit von Politikern und Wirtschaftsverbänden gefordert. Dabei liegt die tatsächliche Arbeitszeit längst über den tariflich vereinbarten Arbeitszeiten, und Mehrarbeitsregelungen bis zu 50 Stunden lassen auch hiesige Tarifverträge zu. Die Tarifvereinbarungen der IG BCE und anderer Gewerkschaften beweisen ein hohes Maß an Flexibilität in Sachen Arbeitszeit. Die tariflichen Arbeitszeitbestimmungen tragen Auftragsschwankungen der Wirtschaft Rechnung und unterstützen ihre Wettbewerbsfähigkeit. Zu diesem Ergebnis gelangen aktuelle Studien des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. (Böckler Impuls 11/2005)
Kürzere Arbeitszeiten
Braucht Deutschland also wirklich eine Verlängerung der Arbeitzeit? Im Gegenteil, meint Prof. Dr. Gerhard Bosch, Vizepräsident des Instituts Arbeit und Technik. Seine These ist, dass Mehrarbeit weder Wachstum noch zusätzliche Arbeitsplätze schafft, wie vielfach behauptet. Bosch zufolge machen Produktionssteigerungen durch Mehrarbeit angesichts einer zurückhaltenden Konsumnachfrage in Deutschland keinen Sinn. Obwohl die tatsächlichen Arbeitszeiten seit den neunziger Jahren gestiegen sind, hat diese Mehrarbeit nicht zu weiteren Arbeitsplätzen geführt. Bosch hält eine Verlängerung der Arbeitszeit deshalb für kontraproduktiv. Kollektive Mehrarbeit würde zu diesem Zeitpunkt die Arbeitslosigkeit erhöhen.
Der Wirtschaftssoziologe rät deshalb zu einer Verkürzung der Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich und zu flexiblen Arbeitszeitmodellen. Werden Arbeitszeitverkürzungen langfristig tariflich vereinbart, kann ein Lohnausgleich aus einem Zuwachs an Produktivität finanziert werden. Dies ist beispielsweise sinnvoll für besonders belastete Beschäftigte wie Schichtarbeiter (DIE ZEIT, 6.11.2003).
Dienstleister sind Vorreiter
Für den Dienstleistungssektor sind die Beschäftigungseffekte durch kürzere Arbeitszeiten europaweit nachgewiesen. Eine stärkere Verkürzung der Arbeitszeit im Dienstleistungssektor führt danach zur Umverteilung des Arbeitsvolumens auf mehr Personen. Es gibt zwar keinen Automatismus, doch hat sich die Förderung der Wahlmöglichkeiten für kurze Arbeitszeiten als Triebkraft für den Wachstum des Dienstleistungssektors erwiesen.
Warum sollte, was im Dienstleistungssektor erfolgreich ist, nicht auch in der Industrie positive Wirkung zeigen? Firmen in Deutschland liegen beim Export vorn, mit den kürzeren Arbeitszeiten und mit unterschiedlichen, innovativen Arbeitszeitmodellen, betont Gerhard Bosch.
Flexibilität für Familien
Kürzere Arbeitszeiten und Wahlmöglichkeiten der Arbeitszeit in einem so genannten Arbeitszeitkorridor zwischen 25 und 37 Stunden kämen allen Arbeitnehmerinnen zugute, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen möchten. Gerhard Bosch und Alexandra Wagner wollen mit ihrer Empfehlung erreichen, "dass vollzeitnahe Arbeitszeiten und Variationen der Arbeitszeiten im Erwerbsverlauf für beide Geschlechter möglich sind". Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, oder weiter gefasst die individuelle Möglichkeit, Beruf und das Leben außerhalb der Erwerbsarbeit in Einklang zu bringen, ist auch der IG BCE ein wichtiges Anliegen. Deshalb unterstützt sie Forderungen und Wünsche nach mehr Teilzeitarbeit und flexiblen Teilzeitkonzepten für bestimmte Lebensphasen. Sie richtet das Augenmerk damit in besonderem Maße auf die Gestaltung der Arbeitszeit aus Sicht der Beschäftigten.
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